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21.01.2010 Dr. rer. nat. Rita Gautschy, Basel/Wien
Mond und Sirius – Astronomie im Alten Ägypten und ihre Bedeutung für die absolute Chronologie

Zusammenfassung

 
Astronomie im Alten Ägypten ist stark mit Religion verbunden. Nicht die Aufzeichnung astronomischer Ereignisse wie Sonnen- und Mondfinsternisse oder Planetenerscheinungen stand bei den Ägyptern im Vordergrund – solche Überlieferungen fehlen bis zur 22. Dynastie vollständig – sondern die Übertragung der als göttlich angesehenen Himmelserscheinungen auf den Pharao und die Menschen auf der Erde.

Es haben sich jedoch einige wenige Aufzeichnungen von Sirius-Erscheinungen und von Mondmonatsanfängen erhalten, die als Hilfsmittel zur Erstellung einer absoluten Chronologie in der Vergangenheit eine große Rolle gespielt haben. In den letzten Jahren jedoch ist die Verwendung von Monddaten für diese Zwecke ganz prinzipiell in Frage gestellt worden, und auch Vorbehalte gegenüber überlieferten Siriusdaten wurden zumindest vorsichtig geäußert. Wenn man die Möglichkeiten, vor allem aber auch die Grenzen astronomischer Datierungshilfen kennt, gibt es jedoch keinen Grund dafür, auf verfügbare astronomische Daten als Hilfsmittel zur absoluten Datierung von Pharaonen zu verzichten.

Grundlage jeglicher Datierung ist der ägyptische Kalender der jahrtausendelang ohne Änderungen in Gebrauch war. Im täglichen Leben wurde ein Sonnenkalender verwendet, der 12 Monate mit je 30 Tagen und am Jahresende 5 zusätzliche, sogenannte epagomenale Tage hatte. Das ägyptische Jahr war somit 365 Tage lang und so um ca. einen Vierteltag kürzer als das astronomische, sogenannte tropische Sonnenjahr. Das bedeutet, dass ein bestimmtes ägyptisches Datum nur vier Jahre lang auf den gleichen Tag im gregorianischen oder julianischen Kalender fällt. Es gab drei Jahreszeiten, die je vier Monate umfassten. Die Jahreszeiten hiessen Achet (Zeit der Überschwemmung), Peret (Zeit des Wachstums) und Shemu (Zeit der Ernte).

Der Jahresanfang war zur Zeit der Einführung des Kalenders an den heliakischen Aufgang des Sterns Sirius und den Beginn der Nilschwemme gekoppelt. Als heliakischen Aufgang eines Sterns bezeichnet man das erste Auftauchen des Sterns in der Morgendämmerung kurz vor Sonnenaufgang nach einer Phase der Unsichtbarkeit. Sirius wird erstmals wieder sichtbar, wenn der Stern ca. 2° über und die Sonne noch mindestens 7° unter dem Horizont steht. Wie gross die Höhendifferenz - die man auch Sehungsbogen nennt -  zwischen den beiden Himmelskörpern sein muss, hängt von den vorherrschenden Witterungsbedingungen ab.

 

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Astronomische Darstellung aus dem Grab des Senenmut (um 1460 v. Chr.). In der oberen, im Grab südlichen Hälfte sind eine Liste der Dekangestirne, Sternbilder des Südhimmels, Sirius personifiziert und die Planeten Jupiter, Saturn, Merkur und Venus, zum Teil als Götter, die in Barken über den Himmel fahren, abgebildet. Im davon deutlich durch eine Inschrift abgetrennten unteren Teil sehen wir ägyptische Konstellationen des Nordhimmels, zwölf Monatskreise und Götter mit roten Scheiben auf dem Kopf, die sich von zwei Seiten her auf die Mitte zubewegen. Die Inschriften der Kreise bezeichnen die Monatsfeste im Mondkalender, die der Götter die Tage des Mondmonats.

Neben dem Sonnenkalender war in Tempeln für kultische Zwecke ein Mondkalender in Gebrauch. Ein Mondjahr umfasste 12 Monate, die entweder 29 oder 30 Tage lang waren. Jeder Mondmonat begann am Morgen, nachdem die Altmondsichel nicht mehr beobachtet werden konnte. Das Mondjahr war 10 oder 11 Tage kürzer als das Sonnenjahr, sodass etwa alle drei Jahre ein 13. Schaltmonat eingefügt werden musste, um Sonnen- und Mondkalender im Gleichschritt zu halten. Es gibt keine Regelmässigkeit in der Abfolge zwischen 29- und 30tägigen Mondmonaten: bis zu fünfmal konnten im Alten Ägypten 30-tägige Mondmonate aufeinander folgen und bis zu viermal 29-tägige.

Die Ägypter zählten die Jahre nach dem regierenden Pharao. Hat man von einem Pharao oder von einer gut bekannten Abfolge mehrerer Pharaonen Monddaten überliefert, so kann man versuchen, diese durch Vergleich mit theoretisch berechneten Daten chronologisch einzuordnen. Eine Berechnung der letzten Sichtbarkeit der Mondsichel vor Neumond und der Neumonde für weit zurückliegende Zeiten ist jedoch mit gewissen Unsicherheiten belastet:

  • Die Erdrotation verlangsamt sich im Laufe der Zeit. Der resultierende Zeitunterschied, ?T genannt, der sich auf ca. 12 Stunden im Jahr 2000 v. Chr. aufsummiert und die Unsicherheit desselben (2000 v. Chr. etwa 2 Stunden) muss in die Berechnungen eingehen.
  • Astronomen arbeiten heute noch daran, die Berechnungsmethoden für die letzten Sichtbarkeiten der Mondsichel zu verbessern.

Ergibt sich in der Rechnung bei der Berücksichtigung der Unsicherheiten eine Diskrepanz um einen Tag, so muss offen bleiben, an welchem Tag die Mondsichel das letzte Mal tatsächlich beobachtet werden konnte. Grössere Bedeutung als die Unsicherheit der Berechnungen haben jedoch die Unsicherheiten, die aus der Interpretation der Monddaten und deren Reduktion auf erste Mondmonatstage resultieren, sowie die Tatsache, dass nicht restlos geklärt ist, wann genau ein ägyptischer Tag begann. Die meisten Forscher gehen davon aus, dass der ägyptische Tag mit der Morgendämmerung anfing. Wenige andere glauben, dass der ägyptische Tag mit dem Sonnenaufgang begann. Beide Gruppen beziehen sich dabei immer wieder auf Angaben im Almagest des Klaudios Ptolemaios, die aber mitunter unterschiedlich interpretiert werden. Daher ist es nötig, beide Möglichkeiten bei der Auswertung zu berücksichtigen und zu sehen, ob daraus eventuell Rückschlüsse auf den Tagesbeginn gezogen werden können. Für die Auswertung bedeutet das, dass bei einem angenommenen Tagesbeginn bei Sonnenaufgang die in der Morgendämmerung stattfindende Beobachtung der Mondsichel noch am alten Tag erfolgt. Kann die Mondsichel nicht mehr beobachtet werden, so beginnt wenige Minuten später der neue Mondmonat. Geht man hingegen von einem Tagesbeginn bei Dämmerungsbeginn aus, ereignet sich die Beobachtung bereits am neuen Tag und der Tag der ersten Nichtsichtung fällt mit dem ersten neuen Mondmonatstag zusammen. Das bedeutet, dass sich bei diesen beiden Annahmen die Tageszahl um eins unterscheidet, was einen Unterschied in der zeitlichen Einordnung der Monddaten von 11 Jahren zur Folge hat.

Dazu kommt, dass Monddaten zyklische Ereignisse sind: nach 25 Jahren wiederholen sich mehr als 70% aller Monddaten im ägyptischen Kalender. Daher sind verschiedene zeitliche Einordnungen möglich. Für gewöhnlich wird jene Zuordnung als korrekt bezeichnet, welche die beste Übereinstimmung mit den beobachteten Monddaten zeigt. Dass dies nicht immer richtig sein muss, illustriert ein Datensatz aus der Zeit des Mittleren Reiches aus der Stadt Illahun. 40 Monddaten und eine Vorhersage eines heliakischen Frühaufgangs des Sirius sind uns von dort überliefert. Das Siriusdatum grenzt den Zeitraum für das 7. Jahr des Pharaos Sesostris III. auf 1882 bis 1865 v. Chr. ein, wenn man berücksichtigt dass der Frühaufgang eventuell einen Tag später stattfand als vorhergesagt. Die Monddaten können erfolgreich in diesen Zeitrahmen eingepasst werden, jedoch erhält man für die Monddaten alleine bessere Übereinstimmungen 25 Jahre früher im Falle eines angenommenen Tagesbeginns bei Sonnenaufgang bzw. 25 Jahre später im Falle eines angenommenen Tagesbeginns bei Dämmerungsbeginn. Die Qualität der beiden möglichen zeitlichen Einordnungen ist nicht unterschiedlich genug, als dass man daraus ableiten könnte, wann der ägyptische Tag genau begann. Somit bleibt eine Unsicherheit von 11 Jahren bezüglich der absoluten Datierung des ägyptischen Mittleren Reiches bestehen, bis die Frage des Tagesbeginns aus anderen Quellen geklärt ist.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ein überliefertes, tatsächlich beobachtetes Datum eines Siriusfrühaufgangs den zeitlichen Bereich des genannten Regierungsjahres auf 12 bis 15 Jahre eingrenzt, wenn man den Beobachtungsort als bekannt voraussetzt und berücksichtigt, dass je nach herrschender Witterungsbedingung der Sehungsbogen für eine erste erfolgreiche Sichtung des Sirius zwischen 9° und 11° variieren kann. Ein Beobachtungsort in der Umgebung von Memphis bzw. Heliopolis scheint wahrscheinlich, da nur dort die in Quellen öfters genannte Unsichtbarkeitsdauer des Sirius ca. 70 Tage betrug.

Ein Monddatenset ohne zusätzliche astronomische Informationen wie z.B. einem heliakischen Frühaufgang des Sirius lässt mehrere zeitliche Einordnungen zu, meist drei verschiedene innerhalb von 50 Jahren. Berücksichtigt man dazu noch die Unsicherheit bzgl. des genauen Tagesbeginns in Ägypten, so erhält man 6 mögliche Lösungen innert 61 Jahren. Diejenige zeitliche Einordnung, welche die beste Übereinstimmung zwischen den Berechnungen und den überlieferten Daten zeigt, wird für gewöhnlich als die korrekte angesehen. Ab einem gewissen Prozentsatz übereinstimmender Daten – ca. 75% - ist es jedoch schwierig, die korrekte Lösung auszuwählen. Da es sich bei Monddaten um Beobachtungen handelt, die sehr stark witterungsabhängig sind, muss man mit einem gewissen Prozentsatz „falscher“ Beobachtungen rechnen. Manchmal ist die Altmondsichel bei ihrer theoretischen letzten Sichtbarkeit nur ganz kurz und daher schwer zu beobachten. Herrschten in solchen Fällen keine idealen Witterungsbedingungen, konnte die Mondsichel nicht mehr beobachtet werden und der neue Mondmonat wurde einen Tag zu früh begonnen. Wenn Schlechtwetter Beobachtungen unmöglich machte, mussten irgendwelche Kriterien angewandt werden, um zu entscheiden, wann der neue Mondmonat beginnen soll. Die erhaltenen Texte vor der Spätzeit erzählen leider nichts über solche Kriterien. Das bedeutet, dass sowohl Abweichungen um einen Tag in negativer Richtung – die Altmondsichel konnte nicht mehr beobachtet werden, obwohl es rein rechnerisch hätte möglich sein sollen – als auch in positiver Richtung – die Altmondsichel wurde „beobachtet“ obwohl sie nicht mehr zu sehen war – im Bereich des Möglichen liegen. Abweichungen in positiver Richtung hätte man vor allem dann zu erwarten, wenn nicht beobachtet werden konnte und die Priester dazu geneigt hätten, einen neuen Mondmonat in solchen Fällen bevorzugt zu spät als zu früh zu beginnen.

Ausgewählte weiterführende Literatur:

  • R. A. Parker, The calendars of ancient Egypt (Chicago 1950).
  • E. Hornung, R. Krauss, D. A. Warburton (Hrsg.), Ancient Egyptian chronology (Leiden 2006).
  • U.Luft, Die chronologische Fixierung des ägyptischen Mittleren Reiches nach dem Tempelarchiv von Illahun (Wien 1992).
Bildnachweis  
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MMA Accession number 48.105.52.
Astronomical Ceiling, Tomb of Senenmut. Charles K. Wilkinson (1897–1986), Graphic Section, Egyptian Expedition of the Metropolitan Museum of Art.


Update: 09.02.2010 Webdesign: H. Jenni © Basler Forum für Ägyptologie