BASLER FORUM FÜR ÄGYPTOLOGIE

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26.06.2008 PD Dr. Dr. Frank J. Rühli
Von Tutanchamun bis Schepenese: Medizinische Forschung des Swiss Mummy Project

Zusammenfassung

 

Mumienforschung ist Teil der Paläopathologie, der Lehre der Krankheiten von Menschen und Tieren früherer Zeiten. Die Einmaligkeit von Mumien besteht per definitionem darin, dass sich Weichteile, also Haare oder Haut oder innere Organe über die Zeit konserviert haben. Gerade wenn man beispielsweise Krankheiten von vergangenen Zeiten studieren möchte, ist der Mensch selber, der Körper, das beste Forschungsobjekt dafür; daher sind also Mumien für die medizinische Forschung besonders wertvoll. Insgesamt ist die Mumienforschung eine sehr interdisziplinäre und international vernetzte Wissenschaft. Es muss jedoch beachtet werden, dass bei der Interpretation von historischen Körpern auch im medizinischen Sinne Vorsicht gewaltet werden muss, es ist oft diagnostisch nicht der gleiche Grad von Evidenz wie bei klinischen Studien erreichbar und Krankheitsmuster oder Therapien können sich im Laufe der Zeit ändern.

Das Swiss Mummy Project (SMP) wurde 1995 gegründet und ist ein offizielles Forschungsprojekt der Universität Zürich. Es wird geleitet von Frank Rühli (Co-Leitung Dr. Thomas Böni, Orthopädische Uniklinik Balgrist) und hat zum Ziel, Mumien unterschiedlichster Provenienz (Ägypten, Peru) paläopathologisch zu untersuchen und dabei neue nicht-invasive Untersuchungsmethoden zu etablieren. Diverse Schweizer Sammlungen (bspw. auch das Antikenmuseum Basel) haben bereits mit dem SMP kooperiert. Dutzende von Mumien wurden schon untersucht, die wohl schweizweit berühmteste altägyptische - «Schepenese» - aktuell in der Stiftsbibliothek St. Gallen, ebenfalls. Als Hauptfragestellung werden generell Lebensbedingungen, im besonderen aber Krankheiten und Unfälle der Individuen medizinisch diagnostiziert. Des Weiteren ist es möglich, postmortale Behandlungen, wie sie im Rahmen der Einbalsamierung geschehen, sowie auch Umwelteinflüsse zu analysieren.

Methodisch werden primär bildgebende Verfahren eingesetzt wie bspw. das konventionelle Röntgen oder die Computertomographie. Eine enge Zusammenarbeit wird beispielsweise auch mit Ägyptologinnen (A. Küffer, R. Siegmann) gepflegt, denn nur eine solch interdisziplinäre Kooperation vermag letztendlich umfassende Beurteilungen zu ermöglichen. Für die historische Altersbestimmung wird auf die Kompetenz der ETH Zürich (Dr. G. Bonani, Institut für Teilchenphysik) zurückgegriffen. Weitere Untersuchungsmethoden schliessen auch histologische oder physikalisch-chemische Analytik mit ein.

Wichtigste Befunde sind die oft vorgefundenen degenerativen Erkrankungen (Arthrosen), Gefässverkalkungen, Zahnerkrankungen wie Abrasion, Knochenbrüche, gutartige Tumoren oder auch anatomische Normvarianten. Als Zeugnisse vor allem der altägyptischen Einbalsamierungstechniken kann man Läsionen in der Schädelbasis, Eingeweidepakete in Brust- und Bauchhöhlen oder auch Spiegel eingetrockneter Substanzen in den Körperhöhlen finden. Auch sind selten noch Amulette (bspw. Djed-Pfeiler, «Herzskarabäus») in den Bandagen oder im Körperinnern nachzuweisen.  

Aktuelle Arbeiten des SMP sind bspw. die Gesichtsrekonstruktion («facial approximation»), einer mit einem sogenannten Fayum-Portrait dekorierten, noch eingewickelten spätrömischen Mumie des Antikenmuseums Basel oder auch die pionierhafte Anwendung von Magnetresonanztechnik an altägyptischen Mumien zur differenzierten Darstellung von Weichteilen.  

Der Autor war auch als Experte für die CT-Beurteilung von Pharaoh Tutanchamun eingeladen, die wissenschaftliche Aufarbeitung dazu hat erst sehr begrenzt stattgefunden. Siehe http://guardians.net/hawass/press_release_tutankhamun_ct_scan_results.htm.

In Zukunft wird die nicht-invasive Bildgebung in der Mumienforschung sicher noch vermehrt angewendet werden. Weitere Studien des SMP werden sich generell ethischen Fragestellungen bei Mumienuntersuchungen oder der Co-Lokalisierung von Computertomographie- und Magnetresonanzbefunden widmen. Das Ziel ist es, langfristig interdisziplinär und mit möglichst nicht-invasiven Methoden (nicht Gewebe zerstörenden) mehr über historische, vor allem altägyptische Mumien zu erfahren, also die «diagnostische Evidenz» zu verbessern.

Ausgewählte weiterführende Literatur:

  • Hawass Z. 2005, The mummy of Tutankhamun, in: Tutankhamun and the golden age of the Pharaohs. Washington, D.C.: National Geographic Society, pp. 262-270.
  • Küffer A, Siegmann R. (Eds.). 2007, Unter der Schutz der Himmelsgöttin. Ägyptische Särge, Mumien und Masken in der Schweiz. Chronos Verlag, Zürich.
  • Rühli F.J., Chhem R.K., Böni T. 2004, Diagnostic paleoradiology of mummified tissue: interpretation and pitfalls. Canadian Association of Radiologists Journal 55: 218-227.
  • Rühli F.J., Gill-Robinson H, (Eds.) erscheint 2009, Mummy studies: An Evidence Based Approach. Cambridge: Cambridge University Press.
  • Rühli F., von Waldburg H., Nielles-Vallespin S., Böni T., Speier P. 2007, Clinical magnetic resonance imaging of ancient dry mummies without rehydration. Journal of the American Medical Association 298: 2618-2620.
  • Rühli F. 2008, Patient Tutanchamun, in: Tutanchamun - Sein Grab und die Schätze, Zürich: Tamedia Production Services, ISBN 978-3-00-023847-5. pp. 42-43.
  • Wieczorek A., Tellenbach M., Rosendahl W. (Eds.). 2007, Mumien - Der Traum vom ewigen Leben., Mainz: Verlag Ph. Von Zabern.

PD Dr. Dr. F. Rühli, Anatomisches Institut, Universität Zürich (frank.ruhli@anatom.uzh.ch)

Links:

 

 

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Die bisher häufig vermutete Todesursache Tutanchamuns, ein Schlag auf den Hinterkopf, kann durch die neuen Untersuchungen ausgeschlossen werden.

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Paläopathologen untersuchen mit Röntgendiagnostik den einstigen Gesundheitszustand und die Todesursache der mumifizierten Scherit-Min.

 

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Frank Rühli mit der Eismumie «Ötzi».

Bildnachweis  
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The Global Egyptian Museum.
http://www.globalegyptianmuseum.org/record.aspx?id=15062.

x Ursula Meisser.
http://www.uzh.ch/news/articles/2004/1482.html.
x Informationsdienst Wissenschaft e.V.
http://idw-online.de/pages/de/image49320.


Update: 01.08.2008 Webdesign: H. Jenni © Basler Forum für Ägyptologie